Werden Sehstörungen zu selten diagnostiziert?

Möglicherweise bleiben bis zu 75 Prozent der Schulkinder mit Sehproblemen unerkannt.

Das Sehen spielt im Leben eine wichtige Rolle, insbesondere in den ersten Jahren, wenn sich der Großteil der kognitiven und persönlichen Entwicklung einer Person vollzieht. Gleichzeitig stellen Kinder unter achtzehn Jahren, bei denen 20 bis 50 Prozent an Veränderungen auftreten, die Altersgruppe mit der höchsten Prävalenz von Veränderungen der visuellen Funktionen dar. Bleiben diese Veränderungen der visuellen Funktion allerdings unterdiagnostiziert, beeinträchtigen sie die kognitive Entwicklung von Kindern und Teenagern.

Studien zeigen, dass eine Beziehung zwischen Funktionsstörungen wie Legasthenie oder Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Hyperaktivität (ADHD) und visuellen Funktionsstörungen besteht. Insbesondere wurde der Nachweis erbracht, dass die Prävalenz von ADHD bei Kindern mit Sehproblemen im Vergleich zu denjenigen mit normalem Sehvermögen[1] größer ist (um 15,6 Prozent). Bei Legasthenie zeigen bis zu 50 Prozent der unter Legasthenie leidenden Kinder die Antisakkadenaufgabe[2], eine Störung des Frontallappens des Gehirns, die mit der Kontrolle der Augenbewegung im Zusammenhang steht.

Das sind nur zwei Beispiele der Beziehung zwischen visuellen Funktionsstörungen und kognitiven Störungen. Fachleute sind ebenfalls der Meinung, dass nicht diagnostizierte und nicht korrigierte Augen- und Sehprobleme bei Kindern ein erhebliches Gesundheitsproblemdarstellen. Allerdings nehmen Daten der American Optometric Association zufolge bis zu 75 Prozent der Schulkinder mit Sehproblemen nicht an Screenings teil.

Treten das neuronale oder psychische Stadium betreffende Probleme auf, was bedeutet, dass es sich nicht um Probleme handelt, die mit Standardbrillen oder Kontaktlinsen korrigiert werden können, müssen Kinder mit Sehproblemen auf Anzeichen von Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen oder Legasthenie überwacht werden. Augenfachleute sind nicht darin geschult, ADHD zu diagnostizieren oder zu behandeln. Ihnen sollte jedoch bekannt sein, dass ihre Patienten mit Sehproblemen ein erhöhtes Risiko von Aufmerksamkeitsstörungen besitzen und dass eine frühzeitige Erkennung der erste Schritt zur Behebung des Problems sein könnte.

  1. ADHD and Vision Problems in the National Survey of Children’s Health, 1040-5488/16/9305-0459/0 VOL. 93, NO. 5, PP. 459Y465, OPTOMETRY AND VISION SCIENCE
  2. Biscaldi, M. Voluntary Saccadic Control in Dislexia. Perception.2000; 29,5:509 – 521